Willkommen in Cambridge

Willkommen in Cambridge

Erst als Cuber, dann als Student

Willkommen in Cambridge – erst als Cuber, dann als Student

Cornelius Dieckmann

Zum ersten Mal in Cambridge war ich am Wochenende vor meinem neunzehnten Geburtstag. Eine gute Stunde fuhr der Zug von der Londoner Liverpool Street nordwärts durch die brütende Julihitze, bis jene Kleinstadt erreicht war, in deren Namen südenglische Beschaulichkeit und akademischer Glanz natürlich zusammenklingen. Dabei diente der Ausflug weder touristischen noch Studienzwecken. Grund war ein Speedcubing-Wettbewerb, wie bei fünfunddreißig vorangegangenen Wochenendreisen, die ich seit meiner Entdeckung des Rubik’s Cubes Anfang 2009 unternommen hatte.

Welcome to Cambridge 2014, so der Titel des Turniers. Die Chefin des Cafés in West-London, in dem ich für die Dauer meines Aufenthalts zwischen Abitur und Studium arbeitete, gab mir großzügig drei Tage frei. Nicht umsonst, denn der Wettbewerb brachte Erfolg: Ich stellte zwei deutsche Rekorde auf und belegte den ersten Platz; am Sonntagabend sah ich vom Sofa eines Cubingfreundes zu, wie Deutschland Fußballweltmeister wurde. Von der Stadt bekam ich nichts mit. Doch eine weitere Gelegenheit sollte folgen.

Sie kam zweieinhalb Jahre später, im Herbst 2016. Ich reiste ein zweites Mal nach Cambridge, Ausgangspunkt diesmal der Flughafen Berlin-Schönefeld – oder genau genommen die Universität Tübingen, die mich als Erasmus-Studenten für ein Jahr über den Ärmelkanal schickte. Als ich die Zusage erhielt, konnte ich mein Glück kaum fassen. Mittlerweile hatte ich zwei Jahre englische Literatur studiert und wusste etwas besser um die mythenumrankte Geschichte der Universitätsstadt als noch während meines eher beiläufigen ersten Besuches. Ich malte mir labyrinthartige Bibliotheken aus, Studenten in Gewändern wie aus Harry Potter, Professoren im Stile Isaac Newtons. Nun, so falsch lag ich nicht.

Willkommen in Cambridge

Anfängliche Unsicherheiten gehören dazu – wie die bald entstehenden Freundschaften
Zugegeben, aller Anfang ist schwer. Ein Auslandsumzug, sei sein Zweck auch zeitlich begrenzt, kann belastend sein – nicht nur logistisch, sondern auch emotional. Seit meinem London-Aufenthalt weiß ich, dass die ersten Wochen oft voller Verunsicherung, Besorgnis und Einsamkeit stecken. Wenngleich man solche Gefühle später umstilisieren kann, geht es in Wirklichkeit meist genauso oft runter wie hoch, und diesen Zeilen kommt zu einem gewissen Maß auch das Aufpolieren der Nachträglichkeit zugute. Aber angehende Weltreisende mögen beruhigt sein: Schwierigkeiten dieser Art sind nur menschlich und gehören dazu wie der Schatten zum Licht. Niemand sitzt täglich selig unter dem London Eye oder entdeckt unentwegt in den Gärten des Trinity College die Gravitationskraft. Aber mit Zeit und Eifer findet sich irgendwann gerade im Fremden eine heimatliche Nische. Man beginnt, das Unvertraute zu genießen und immer mehr von ihm in sich aufzunehmen.

Selten lernt man so viel über andere Menschen (und, nicht zu vergessen, sich selbst), wie wenn man den Schritt an einen Ort wagt, der einen in all seiner Fremdheit zunächst einschüchtert. In dieser Hinsicht kann im Übrigen gerade ein Hobby wie das Speedcubing behilflich sein. Mag es auch zunächst als eine Beschäftigung für die stille Kammer erscheinen, so entstehen aus ungeplanten Wettbewerbsbegegnungen bald bleibende Freundschaften. Sechsunddreißig Turniere später sehe ich noch immer die Gesichter, die schon 2014 in Cambridge unter den Teilnehmern waren. Man trifft sich fortwährend und an den verschiedensten Orten wieder – fast wie durch Zufall knüpfen sich Verbindungen, die Jahreswechsel und Landesgrenzen überschreiten. Ich möchte meinen, so etwas passiert selten, wenn man zuhause sitzt.

Die Tür steht jedem offen, der sich hindurchtraut
Man liest wohl heraus, dass ich an die Kraft des Ausziehens und Umherschweifens glaube. Trotzdem hätte ich es noch vor Kurzem selbst nicht für möglich gehalten, dass ich einmal zwischen den hiesigen jahrhundertealten Universitätsgemäuern die Bücher wälzen oder talarbehangen in einer feierlich von Kerzen erleuchteten Halle zu Abend essen würde (letzteres nur zu besonderen Anlässen und – entgegen dem Stereotyp – mit einer größeren Portion Spaß als Strenge). Wenn ich heute so durch die historischen Torbögen und Eingangspforten schlüpfe, muss ich mich noch immer hin und wieder zwicken, um zu begreifen, dass ich ein Teil dieses Ortes sein darf. Dieses wunderbare Gefühl ist ein Produkt der leichtfüßigen Mobilität, die unserer Generation zur Verfügung steht; ich bin zutiefst dankbar, dass ich sie zu diesem Grad wahrnehmen kann.

Aber es geht mir hier weder um Nabelschau noch um eine alleinstehende Anekdote.
Vielmehr möchte ich alldiejenigen ermutigen, die bei der Vorstellung, einen ähnlichen Auslandsaufenthalt anzutreten, auf Selbstzweifel und andere Befürchtungen stoßen. Keine Frage, ich hatte eine Menge Glück; aber ich bin überzeugt, dass sich jedem durch ein wenig Wagnis und aufrichtige Neugierde schließlich eine Tür auftut – die größte Hürde ist die eigene Überwindung. Ich spreche dabei auch nicht nur von meinen konkreten Erfahrungen mit London und Cambridge; die Welt ist groß und diese beiden Orte nur zwei unter vielen. Wonach es einen auch sehnt, es sei ihm ans Herz gelegt, sich über die Gewohnheit hinwegzutrauen und Möglichkeiten zu ergreifen, wenn sie sich ergeben (und wenn nicht, sie selbst zu schaffen). Ein Flugticket ist schnell gebucht, und wer weiß – vielleicht wartet auf den reisehungrigen Würfelfreund schon bald ein Turnier, das eine längere Nachgeschichte mit sich bringt: Welcome to …